Jonas Keil: Von SAP zum KI-Creator – meine Geschichte
Stell dir einen dualen Studenten vor, der sein Studium bei SAP als Jahrgangsbester abschließt und ein Übernahmeangebot auf dem Tisch hat: 60.000 € Einstiegsgehalt, Gehaltserhöhung nach einem Jahr, Firmenwagen nach spätestens zwei Jahren. Er lehnt ab. Um Content Creator zu werden. Genau das war meine Story der letzten zwei Jahre. Ich bin Jonas Keil, und in diesem Artikel erzähle ich dir, woher ich komme, warum ich mich so entschieden habe und was seitdem passiert ist.
Warum ich das überhaupt aufschreibe? Mein Kanal ist in den letzten zwölf Monaten von 14.000 auf fast 90.000 Abonnenten gewachsen. Das macht mich stolz und dankbar. Es bedeutet aber auch, dass die meisten mich nur aus KI-Tutorials kennen. Zeit für einen Blick hinter die Kulissen.
Die Anfänge: Java-Tutorials für sechs Aufrufe
Was viele nicht wissen: Meinen YouTube-Kanal gibt es schon über fünf Jahre. Gestartet habe ich 2021, noch vor meinem Studium, mit einer Reihe von Java-Tutorials. Mein 25. Tutorial hatte 20 Stunden nach dem Upload stolze sechs Aufrufe. Und das war eins meiner besten Videos.
Daran sieht man ganz gut, dass YouTube einen langen Atem braucht. Nach ungefähr 50 Java-Tutorials habe ich erstmal aufgehört, um mich auf mein Studium zu konzentrieren. Der Kanal stand zu dem Zeitpunkt bei rund 400 Abonnenten.
Drei Jahre SAP-Studium mit einem leisen Zweifel
Ich habe dann drei Jahre Wirtschaftsinformatik bei SAP studiert. Ein wirklich cooles Studium, in dem ich in viele verschiedene Abteilungen reinschnuppern und mich ordentlich ausprobieren konnte. Gleichzeitig hat mir dieser frühe Kontakt mit so einem großen Unternehmen einen Gedanken eingepflanzt: Jonas, du bist noch nicht bereit für die Corporate-Welt. Du schließt mit 21 ab. Willst du dich wirklich jetzt schon festlegen?
Thematisch war mir damals schon klar, dass ich irgendwann etwas mit KI machen will. Softwareentwicklung fand ich spannend, daher auch die Java-Playlist. Aber Softwareentwickler werden wollte ich ehrlich gesagt nie, das reine Coden hat mich nie so richtig gepackt. KI dagegen hat mich von Anfang an fasziniert. Ich bin sicher, ich würde mich auch ohne diesen Kanal jeden Tag mit den neuesten Entwicklungen beschäftigen.
Die Bachelorarbeit und eine mutige Mittagspause
Meine Bachelorarbeit habe ich deshalb über ein KI-Thema geschrieben. Bei SAP muss so eine Arbeit immer von einer Abteilung begleitet werden, und ich habe eine Absage nach der anderen kassiert. Keine Kapazität für dieses Thema, hieß es überall.
Meinen Platz habe ich am Ende bekommen, weil ich mich getraut habe, in meiner Mittagspause auf den damaligen Chief AI Officer von SAP zuzugehen: Philipp Herzig, heute CTO, damals mit Sitz in Potsdam. Du musst dir das vorstellen. Ich als Pupsstudent quatsche den Chief AI Officer an und frage, ob er mir bei meiner Bachelorarbeit weiterhelfen kann. Seine Reaktion: „Oh, cooles Thema, ich kümmere mich darum." Er hat eine E-Mail geschrieben, und plötzlich hatte ich einen Platz in einer Abteilung, die mich vorher abgelehnt hatte. Dafür bin ich ihm bis heute dankbar, ohne ihn hätte ich diese Arbeit vermutlich nie schreiben können.
Die Arbeit wurde mit summa cum laude bewertet, das Studium habe ich als Jahrgangsbester abgeschlossen. Blieb nur eine Frage: Was jetzt?
Warum ich das 60.000-€-Angebot abgelehnt habe
Kurz zum Kontext: Wenn man in so einem Konzern studiert, hat die Firma viel Geld in die eigene Ausbildung investiert und ein echtes Interesse daran, die Studenten zu übernehmen. Entsprechend lukrativ sind die Angebote. Die Verlockung ist riesig, einfach anzunehmen oder sich zu sagen: Komm, ich mache das mal für ein, zwei Jahre und schaue dann weiter.
Ich habe mich aus zwei Gründen dagegen entschieden. Zum einen hatte sich das Gefühl, noch nicht bereit für die Corporate-Welt zu sein, im Studium nicht gelegt. Es war keine Gewöhnungsphase, sondern eine schleichende Erkenntnis: Das ist noch kein Weg, den ich jetzt gehen möchte. Zum anderen hatte ich schon immer den Traum, selbstständig zu sein. Neben dem Abi hatte ich in einem kleinen Software-Startup gearbeitet, und dieses Gefühl fand ich einfach richtig cool. Meine Logik damals: Ich bin jung, in einen Konzern kann ich später wahrscheinlich immer noch einsteigen. Und ehrlich gesagt wäre es mir lieber gewesen, mit meinem Traum zu scheitern, als ihn nie ausprobiert zu haben.
Aus meinem Jahrgang war ich übrigens der Einzige, der abgelehnt hat. Alle anderen haben bei SAP angefangen. Auf der Abschlussfeier hatte ich kurz die Gelegenheit, mit dem SAP-CEO Christian Klein zu sprechen. Er fragte mich, in welcher Abteilung ich anfange. Meine Antwort: in keiner, ich mache mich selbstständig. Er gab mir die Hand, gratulierte und wollte wissen, was ich vorhabe. Ich: „Das weiß ich noch nicht." Da musste er lachen. Ich habe dann noch einen draufgesetzt und gefragt, ob er als CEO nicht eine gute Idee für mich hat. Hatte er tatsächlich. Die Idee liegt bis heute in meinem Hinterkopf, aber dafür bräuchte ich erstmal eine Menge Geld.
Der Tiefpunkt: 250 € Kindergeld und ein leeres Konto
Nach diesem kleinen Höhepunkt begann die schwierigste Zeit. Ich bin zurück ins Elternhaus gezogen, habe mich in einen Master eingeschrieben und von 250 € Kindergeld plus ein paar YouTube-Einnahmen gelebt. Auf dem Konto war nichts.
Ich habe jede Idee verfolgt, die ich finden konnte, mit vollem Einsatz. Zum Beispiel wollte ich eine KI-Lern-App entwickeln. Bis ich irgendwann realisiert habe: Selbst wenn ich diese App fertig baue, wie soll ich Käufer dafür finden? Also nächste Idee, nächster Anlauf. Das ging ungefähr ein halbes Jahr so. Wenn man immer wieder neue Projekte startet, immer wieder gegen die Wand rennt und dabei ständig denkt, bei SAP hätte ich diese Probleme alle nicht, dann fühlt sich irgendwann alles falsch und sinnlos an.
Irgendwann kam meine Mutter auf mich zu: „Jonas, möchtest du nicht erstmal zu Netto an die Kasse und dir ein bisschen was dazuverdienen?" Fast zeitgleich bot mir mein Papa an, bei ihm in der Wasserwirtschaft als Aushilfe anzufangen. Das zu hören war unglaublich hart. Ich wusste ja, dass es gut gemeint war. Meine Eltern hatten gesehen, dass nichts von dem funktionierte, was ich probiert habe, und wollten mich unterstützen. Aber in so einem Moment fühlt es sich an, als würden sie nicht daran glauben, dass aus dem, was man tut, etwas wird.
Der Rat, der alles gedreht hat
Meine Rettung war ein Unternehmer aus meiner Gegend, den ich über ein paar Ecken kannte. Er führt bei uns im Ort ein kleines Planungsbüro, und ich habe ihn um Tipps gebeten. Sein Rat war ganz direkt: Versuch nicht, irgendetwas zu entwickeln, von dem du nicht weißt, ob es was wird, nur um auf den großen Exit zu hoffen. Verfolg erstmal etwas, womit du schon Umsatz machst. Und lass dich gut beraten.
Etwas mit Umsatz hatte ich tatsächlich. Mein YouTube-Kanal war in den drei Jahren, in denen ich gar nichts hochgeladen hatte, durch die alten Java-Videos von 400 auf 14.000 Abonnenten gewachsen. Er warf jeden Monat konstant etwa 100 € ab. Genau diese 100 € waren übrigens der Grund, warum ich nicht längst wieder angefangen hatte: Ich hatte Angst, dass sie wegfallen, wenn ich das Thema von Java auf KI umstelle, und ich dann wirklich nur noch vom Kindergeld lebe.
Ich habe es trotzdem gemacht. Von dem Geld, das ich noch hatte, habe ich mir eine Beratung geholt, um den Content-Switch zu KI richtig anzugehen. Das hat mir viele Anfängerfehler erspart. Und so ist der Kanal in gut einem Jahr von 14.000 auf fast 90.000 Abonnenten gewachsen. Mehr, als ich mir jemals hätte träumen lassen.
Mein Alltag als KI-Creator heute
Mittlerweile bin ich bei meinen Eltern ausgezogen und wohne mit meiner Freundin in einer schönen kleinen Wohnung in Berlin. Viele denken, YouTuber sein bedeutet, den ganzen Tag vor der Kamera zu stehen. Tatsächlich macht das nur einen Bruchteil aus. Die meiste Zeit verbringe ich damit, mich in neue KI-Tools einzuarbeiten und Skripte zu schreiben. Erklärungen aufsetzen, Beispiele suchen, alles in einfache Worte fassen: Das dauert einfach. Inzwischen unterstützt mich dabei ein kleines Team mit einem Cutter und einem Thumbnail-Designer, entsprechend viel Zeit geht auch in Koordination und Planung.
Mein Anspruch ist derselbe geblieben, bei den Videos genauso wie bei meinen Produkten wie dem KI-Kompass: Ich will Inhalte machen, die langfristig relevant sind, statt nur den nächsten Hype mitzunehmen. Bei KI ist das nicht immer leicht. Aber ich bin überzeugt, dass KI eine Schlüsseltechnologie des 21. Jahrhunderts ist und jeder sie beherrschen sollte. Genau dafür gibt es auf dem Kanal und hier im Blog Inhalte wie den ChatGPT-Grundkurs oder den Claude-Grundkurs.
Was du aus meiner Geschichte mitnehmen kannst
Ich lebe heute die Vollzeit-Selbstständigkeit, die ich mir damals gewünscht habe. Der Ausstieg bei SAP war also vermutlich doch die richtige Entscheidung. Wenn du selbst gerade an so einem Punkt stehst, einen Traum hast und unsicher bist, ob jetzt der richtige Zeitpunkt ist, kann ich dir nur sagen: Probier es aus. Halte dir im Hinterkopf eine Möglichkeit offen, auf den alten Pfad zurückzukehren, falls alles schiefgeht. Und welche Fehler du dir dabei sparen kannst, habe ich in einem eigenen Artikel aufgeschrieben: KI-Quereinstieg: Was ich heute anders machen würde.